Laien mögen die Vorstellung haben, bei VW hätten vielleicht zwei oder drei Manager mal eben beschlossen, die Software der VW-Dieselmotoren zu manipulieren und sich dann vielleicht einen korrupten Programmierer gesucht, der das dann umgesetzt hat.

Aber so ein Szenario ist sehr unwahrscheinlich. Das elektronische System eines modernen Autos ist hoch komplex, gerade kürzlich schrieb jemand, bei diesen Autos handle es sich eigentlich um Computer, die Daten sammeln und Prozesse steuern und zufällig auch fahren können. Die Entwicklungsprozesse sind nicht minder komplex: Da werden Pakete und Releases geplant, designt und realisiert und umfangreiche Tests konzipiert, durchgeführt und dokumentiert.

Die fragliche Manipulation ist ein Change Request, der eine Vielzahl von Nebenwirkungen haben kann und deshalb umfassend getestet werden muss. Schließlich will ja niemand, dass das Auto plötzlich auch auf der Straße so läuft, wie beim Abgastest, oder dass es plötzlich ganz zum Softwareversagen kommt.

Es ist deshalb ganz unwahrscheinlich, dass nur ein paar wenige Leute von den Manipulationen gewusst haben. Anderenfalls gäbe es bei VW keine systematische Qualitätssicherung, keine unabhängigen Tests von Software und Systemkomponenten. Das wäre nicht nur noch schlimmer, als das, was jetzt schon ans Licht gekommen ist, es wäre unter solchen Bedingungen kaum möglich, noch Autos zu produzieren, die fahren.

Also werden sehr viele Leute gewusst oder vermutet haben, was da läuft. Manager, Programmierer, Tester, Ingenieure, Arbeiter. Sie fanden das offenbar alle nicht erwähnenswert. Mancher von ihnen wird auch mal zu einem anderen Autobauer gewechselt haben. Dass da bisher gar nichts ans Licht gekommen ist, lässt mich vermuten, dass dieses Verhalten branchenüblich ist.

Ein Blick auf Dieselgate aus Sicht eines Softwareentwicklers
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2 Gedanken zu „Ein Blick auf Dieselgate aus Sicht eines Softwareentwicklers

  • Pingback: Image und Wirklichkeit beim VW-Skandal

  • 25. September 2015 um 15:46
    Permalink

    Für einen Softwareentwickler ist doch die naheliegenste Erklärung:

    Der Auftrag war: Unter den vorgeschriebenen Messbedingungen die vorgeschriebenen Grenzwerte einhalten. Wie sonst so üblich hat sich schlicht und einfach niemand Gedanken gemacht, wie sich die Software unter anderen Rahmenbedingungen verhält.

    Die Entwickler haben keine Kostenstelle, auf die sie nicht explizit geforderte Features verbuchen können. Die Entscheidungsträger blähen die Formalitäten auf, bis niemand mehr den Sinn versteht.

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