Künstliche Intelligenz in der Softwareentwicklung

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändert viele Arbeitsbereiche mit einer Dynamik, die eine ganz unerwartete Herausforderung mit sich bringt. Wir kommen in der Beurteilung der Möglichkeiten und Fähigkeiten dieser neuen Technik kaum hinterher. Es ist derzeit kaum sinnvoll und überhaupt realistisch, etwas über den Stand der Technik zu sagen und Methoden für den Umgang mit ihr einzuüben, denn das, was wir da heute verstehen und in Regeln und Arbeitsweisen transformieren wollen, ist heute Abend womöglich schon veraltet. Das ist wirklich eine ganz neue Erfahrung.

Glauben Sie nichts!

Wenn Sie sich heute die Meinung eines Experten anhören, der ihnen erklärt, was KI kann, wo ihre Grenzen und ihre Schwächen liegen und wie sie diese Technologie sinnvoll einsetzen können: Glauben sie ihm nicht! Was er sagt, mag seiner eigenen Erfahrung von vor einem Monat entsprochen haben, er mag da selbst viel ausprobiert und vielleicht anderen zugehört haben, die auch etwas ausprobiert haben – aber das ist bereits veraltet. Darüber spricht kaum jemand, dass unsere Methoden, uns über eine Technologie zu informieren, uns ein Urteil zu bilden und daraus dann praktische Konsequenzen für die Nutzung dieser Technologie abzuleiten, nicht mehr funktionieren, weil die Zeitschleifen des Erfahrungserwerbs und der Transformation von Erfahrungen in Wissen, das weitergegeben werden kann, viel länger sind als die der technologischen Entwicklung jener Techniken, die uns da zur Verfügung stehen.

Im Radio erzählt jemand eine Anekdote, die ein paar Wochen alt ist, wie er eine KI gefragt habe, ob er zur Autowaschanlage fahren oder laufen soll um das Auto zu waschen, wenn die Anlage nur 100 m entfernt ist, und dass die KI geantwortet habe, er solle laufen, das sei ja nicht so weit. Geben Sie heute diese Frage bei einer beliebigen KI ein, bekommen Sie natürlich nicht nur die korrekte Antwort, meist mit ironischem Tonfall, sondern auch eine Erläuterung, dass diese Frage ein beliebter Test für die Reife der Künstlichen Intelligenz sei. Und natürlich können Sie die Frage auch nach Belieben abwandeln, ja, sie können die KI selbst um Abwandlungen dieser Frage bitten, mit denen Sie dann wiederum andere KI-Agenten testen können, die diese Tests aber im Allgemeinen bestehen.

So bleibt einem nichts anderes übrig, als die aktuellen Fähigkeiten der KI-Systeme immer wieder selbst auszutesten und zu keinem Moment zu glauben, dass das, was man heute als Grenze festgestellt hat, morgen noch die Möglichkeiten begrenzt. Und „Heute“ und „Morgen“ sind dabei ganz wörtlich gemeint. Die neuen Fähigkeiten der KI-Agenten erweitern sich im Tages- und Wochentakt.

KI in der Softwareentwicklung nutzen

Was für die Anwendung der KI bei Alltagsthemen oder bei der Lösung von Problemen, für die man noch vor Kurzem Experten oder teure Software brauchte, gilt, das trifft umso mehr auf die IT-Branche selbst, insbesondere auf die Softwareentwicklung zu. Wir können einen KI-Agenten heute damit beauftragen, komplexe Änderungsanforderungen in einem bestehenden Softwaresystem vorzunehmen und sich dabei die Architekturregeln, die Designvorgaben und die technologischen Randbedingungen aus dem bestehenden Code selbst abzuleiten. Noch macht der Agent dabei Fehler – aber sind es noch mehr als der menschliche Programmierer machen würde? Noch behauptet der Agent, die Anforderung sei umgesetzt, auch wenn sich beim Test herausstellt, dass er etwas „übersehen“ hat – aber kennen wir das nicht von uns selbst als Softwareentwickler?

Als Softwareentwickler müssen wir lernen, mit diesen Agenten umzugehen. Einerseits handelt es sich um eine Art „vierte Kränkung“ wenn wir sehen, dass die KI Programmiercode in einer Qualität und Schnelligkeit erzeugt, die die besten von uns nicht bieten können. Andererseits gilt das alte Gesetz „Das Programm tut nicht das, was du willst, sondern das, was du programmiert hast“, nun auf neue Weise: „Der KI-Agent programmiert nicht das, was du willst, sondern das, was du von ihm verlangt hast.“ – jedenfalls gilt das heute, ob es morgen noch gilt, wenn Sie diesen Text lesen, kann ich nicht garantieren.

Unsere Aufgabe als Softwareentwickler ist es, die KI fest an der Leine zu führen, sie „im Zaum zu halten“, ihr zu sagen, was die Anwender wollen und zu testen, ob das, was da entsteht, nicht nur gut aussieht, sondern auch das Richtige macht. Dann müssen wir eingreifen, müssen dem Agenten seine Fehler aufzeigen, müssen ihm die Wege zur Korrektur weisen.

Gut und wichtig ist es – jedenfalls heute – dass wir Softwareentwickler noch verstehen, was die KI da macht, was sie erzeugt. Wir können und müssen prüfen und entscheiden, ob die Ergebnisse die richtigen sind, ob sie effektiv sind, ob sie das tun, was sie sollen, nicht mehr und nicht weniger. Wir sind in der Lage, das Ergebnis zu beurteilen – bald werden wir dazu wahrscheinlich andere KI-Agenten nutzen.

Werden wir irgendwann überflüssig?

Wer wollte das heute abschließend beurteilen? Entscheidend ist: Im Moment sind wir es ganz und gar nicht. Dafür zu sorgen, dass Software entsteht, die die KI auch in ein paar Wochen oder Monaten noch weiterentwickeln kann, die robust ist, die wartbar ist, technische Anforderungen formulieren, die Systeme zusammenbringen, fachliche Anforderungen so aufbereiten, dass KI-Programmier-Agenten sie verstehen, das ist heute und in nächster Zeit die Aufgabe professioneller Softwareentwickler.

Vermutlich werden die Anforderungen der Anwender wachsen, wenn sie sehen, wie schnell ihre Wünsche mit KI umgesetzt werden können. Es werden Funktionen möglich, die zuvor aus Budget- und Zeitgründen nicht umgesetzt werden konnten, die Benutzerfreundlichkeit wird steigen, Altsysteme können renoviert werden. Das alles beherrschbar zu machen, den Überblick zu behalten, die Umsetzung zu planen und systematisch voranzubringen – das wird die Aufgabe von erfahrenen Softwareentwicklern sein, die noch wissen, was „unter der Haube passiert“.

Es ist schwierig, in dieser turbulenten Entwicklung mitzuhalten, nicht einfach mitgerissen oder untergespült zu werden sondern „die Welle zu reiten“. Aber es ist machbar und eine grandiose Herausforderung. Wo die Softwarebranche am Ende landet, ist nicht abzusehen, und genau besehen ist das Bild auch schief, denn es ist ja nicht mal anzunehmen, dass da ein Ende sein wird, bei dem man landen kann.

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