Was man auf YouTube nicht sagen darf

Veröffentlicht von Jörg Friedrich am 24. Januar 2023

YouTube ist eigentlich nichts anderes als ein Treffpunkt für den Austausch von Meinungen, Informationen und Unterhaltung – privat organisiert und zugleich öffentlich, jedem zugänglich. Wie jeder gutwillige Organisator eines solchen Angebots will auch die weltweit größte Videoplattform, dass sich die Menschen, die sich da begegnen, wohlfühlen, dass sie möglichst nichts Verbotenes tun, dass keiner zu Schaden kommt. Die beste Methode, das zu organisieren, sind ein paar einfache und verständliche Regeln, an die sich jeder halten muss, der dabei sein will – und wer sich an die Regeln nicht halten will, wird zuerst verwarnt und dann vor die Tür gesetzt.

YouTube will ein angenehmer und sicherer Ort für alle Nutzer sein, so heißt es auf der Support-Seite, die zugleich die Regeln aufführt, an die sich jeder halten muss, der Inhalte auf der Plattform veröffentlichen möchte. Das Regelwerk von YouTube ist allerdings nicht gerade kurz und leicht verständlich. Es gibt gegenwärtig 20 verschiedene Richtlinien, die wiederum jeweils zumeist aus ein paar Dutzend Einzelverboten bestehen. Zu den abstrakt formulierten Verboten gibt es dann wiederum Beispiele, die genauer erklären sollen, was man auf YouTube nicht zeigen, nicht sagen und nicht behaupten darf.

Wer beim Surfen auf den Seiten von YouTube etwas entdeckt, was diesen Richtlinien zu widersprechen scheint, ist aufgerufen, das zu melden. Mitarbeiter der Plattform schauen sich den fraglichen Inhalt dann an und entscheiden, ob dieser gelöscht und der Anbieter verwarnt oder auch gleich ganz gesperrt wird. So ist es zuletzt dem YouTube-Kanal der Aktion #allesaufdentisch gegangen, der kritische Interviews zur Corona-Politik versammelt. Der Kanal wurde sieben Tage lang gesperrt, Grund war nach Auskunft von YouTube eine „Verletzung der medizinischen Missinformations-Richtlinien“.

Das Regelwerk, das hier den Ausschlag gab und in diesen Zeiten besonders intensiv zur Anwendung kommt, ist die „Richtlinie zu medizinischen Fehlinformationen zu Covid-19“. Was man zu diesem Thema bei YouTube nicht veröffentlichen darf, ist gleich im zweiten Satz der Richtlinie klar definiert: „Auf YouTube sind keine Inhalte erlaubt, die medizinische Fehlinformationen zu Covid-19 verbreiten, die im Widerspruch zu medizinischen Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder lokaler Gesundheitsbehörden stehen.“

Zwar wird dies sogleich auf die Themen Behandlung, Prävention, Diagnose, Übertragung, Richtlinien zu Social Distancing und Selbstisolation sowie auf die Frage der Existenz von Covid-19 eingeschränkt – wobei allerdings fraglich ist, zu welchem anderen Covid-19-Thema dann medizinische Fehlinformationen erlaubt wären. Aber kurz und prägnant kann man die Richtlinie sicherlich so auf den Punkt bringen: Man darf auf YouTube zu Covid-19 nichts sagen, was den Aussagen der WHO oder in Deutschland etwa denen des RKI oder des Gesundheitsministeriums widerspricht.

Im Folgenden führt YouTube dann im Einzelnen auf, was alles als medizinische Fehlinformation gilt. Auf diesem Index stehen eine Reihe von Behauptungen, deren Unsinnigkeit sicherlich allgemeiner Konsens ist – wie etwa die, „dass Impfstoffe gegen Covid-19 geimpfte Personen magnetisch machen“. Es ist natürlich fraglich, ob solche Behauptungen wirklich „ein ernsthaftes Risiko für körperlichen Schaden bergen“, was gleich zu Beginn der Richtlinie als Grund für die Verbotsliste angegeben wird.

Natürlich kann man annehmen, dass Menschen, die so einen Quatsch glauben, deshalb auch eine Impfung ablehnen und damit für sich und andere einen körperlichen Schaden in Kauf nehmen. Andererseits werden die meisten Menschen, die von einem angeblichen Experten eine so krude Aussage vernehmen, wohl grundsätzlich skeptisch gegen die Behauptungen dieses Experten werden: Der Effekt der Zugänglichkeit dieser Aussage kann sich also auch umkehren und der Aufklärung dienen.

Bei einigen weiteren Richtlinien kommt es sehr darauf an, wie man sie interpretiert. Gleich die erste etwa verbietet „Inhalte, in denen die Nutzer zum Einsatz von Hausmitteln … ermutigt werden, statt sich in medizinische Behandlung zu begeben“. Sind solche Empfehlungen per se Desinformation? Man stelle sich etwa ein Video vor, in dem ein praktischer Arzt empfiehlt, bei lediglich leichten Corona-Symptomen das Bett zu hüten, bei leichtem Fieber feuchte Umschläge zu machen oder ähnliches – und zugleich sagt, dass es bei solch einer leichten Symptomatik nicht nötig wäre, zum Arzt zu gehen – zumal man dort mit anderen, noch nicht infizierten Menschen in Kontakt kommen könnte, die man anstecken könnte. Ein solches Video würde der Richtlinie widersprechen – aber wäre es auch sinnvoll, es zu entfernen?

Das gilt sogar, wenn etwa der Deutschlandfunk – sogar unter Berufung auf das Gesundheitsministerium! – empfiehlt, im Fall einer Infektion viel zu trinken und das Immunsystem mit viel Ruhe und Schlaf sowie ausgewogener Ernährung zu unterstützen. Auch das sind Hausmittel, die den Arztbesuch ersetzen können. Dieser wird dort explizit nur für den Fall empfohlen, dass sich die Lage nach einer Woche nicht verbessert: „Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rät dazu, den oder die Hausärztin zu kontaktieren, wenn sich der Gesundheitszustand nicht während der ersten Woche der Erkrankung bessert oder sich die Beschwerden im Verlauf sogar verschlimmern.“

Problematisch sind auch weitere Regeln – etwa das pauschale Verbot, zu behaupten, „dass Impfstoffe gegen Covid-19 das Risiko einer Ansteckung mit Covid-19 nicht reduzieren“. Als allgemeine Aussage ist dies sicher falsch, aber was wäre mit der Aussage, dass ein bestimmter Impfstoff das Risiko einer Ansteckung mit einer bestimmten Variante, etwa Omikron, nicht reduziert? Die Präsentation der Ergebnisse einer britischen Studie, dass eine zweifache Impfung mit AstraZeneca nach 20 Wochen keinen Impfschutz gegen eine Infektion mit Omikron bietet, wären.

Noch fragwürdiger sind allerdings jene Regeln, die nicht nur inhaltlich zweifelhaft sind, sondern bei denen sogar die Gefahr besteht, dass sich das Anliegen der Plattform, körperliche Schäden zu verhindern, ins Gegenteil verkehrt. So verbietet YouTube etwa die Behauptung, „dass das Tragen einer Maske gefährlich ist oder negative Folgen für die körperliche Gesundheit hat“.

Das steht in dieser Allgemeinheit allerdings im Widerspruch zu den Aussagen ausgewiesener Experten, wie man etwa in der Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene zum Tragen von FFP2-Masken nachlesen kann. Dort heißt es über die Nutzung von FFP2-Masken: „Bei Gesundheitspersonal sind Nebenwirkungen wie z.B. Atembeschwerden oder Gesichtsdermatitis infolge des abschließenden Dichtsitzes beschrieben. Beim Einsatz bei Personen mit z.B. eingeschränkter Lungenfunktion oder älteren Personen sind gesundheitliche Auswirkungen nicht auszuschließen.“

Bedenklich ist auch, wenn YouTube Aussagen zu Themen auf den Index setzt, bei denen die wissenschaftliche Konsensfindung noch längst nicht abgeschlossen ist – und die sich aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge und der Dürftigkeit der bestehenden Datenlage auch noch gar abschließend beurteilen lassen. So untersagt die Plattform „Inhalte, in denen behauptet wird, dass sich Covid-19 in bestimmten Klimazonen oder Regionen nicht verbreiten kann“. Als Beispiel wird aufgeführt, dass es nicht erlaubt sei, zu behaupten „dass sich das Virus in Ländern mit heißem Klima nicht verbreitet“.

Schaut man in die aktuelle internationale Forschungsliteratur, so stellt man fest, dass die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen den Verbreitungsmöglichkeiten des Virus und den klimatischen Bedingungen offenbar sehr herausfordernd ist, dass aber durchaus Zusammenhänge zwischen trocken-heißen Wetterbedingungen und geringerer Virenausbreitung bestehen – allerdings darüber hinaus gekoppelt an die Bevölkerungsdichte und die Reaktion der Menschen auf die Hitze sowie auch an die Regierungsmaßnahmen gegen die Corona-Verbreitung.

Ein konsistentes Bild entsteht auf diesem Forschungsgebiet gerade erst, und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich dabei herausstellt, dass es Regionen geben kann, in denen sich das Virus aufgrund der Kombination verschiedener klimatischer und kultureller Faktoren kaum oder sogar nicht verbreiten kann. Die Darstellung und öffentliche Diskussion solcher Ergebnisse trüge zur Aufklärung darüber bei, welche Maßnahmen in welchen Ländern angemessen sind. Das Verbot, solche Ergebnisse zu verbreiten, könnte also der Pandemiebekämpfung sogar schaden.

Ähnlich verhält es sich mit dem Verbot von „Behauptungen, dass die Symptome, die Sterblichkeit oder die Infektiosität von Covid-19 weniger oder genauso gravierend sind wie bei einer Erkältung oder saisonalen Grippe“. Diese Fragestellung ist Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschungen, und es zeigt sich, dass es durchaus gute Gründe gibt anzunehmen, dass etwa die Sterblichkeit bei Covid-19 und bestimmten Grippe-Varianten in ähnlichen Bereichen liegt. So zeigt eine Studie ähnliche Todesfallraten für Covid-19 und Influenza Typ A. Da die Datenerhebung und die tatsächliche Immunisierung in beiden Fällen sehr unterschiedlich sind, ist eine abschließende Aussage schwierig.

Aber auch hier gilt: Ein pauschales Verbot bestimmter Behauptungen behindert eher den Austausch wichtiger Informationen und Forschungsergebnissen, als dass es zu einer besseren Aufklärung über tatsächliche Risiken beiträgt. Zudem verändert sich auch das Coronavirus in Symptomatik und Gefährlichkeit – und viele Länder, etwa Spanien, diskutieren bereits darüber, die Krankheit in Zukunft wie eine Grippe zu behandeln. Die Realität unterläuft also längst das starre Verbotsraster, das YouTube aufgestellt hat.

Das Anliegen der Video-Plattform, die Verbreitung von gefährlichen Falschinformationen zu Covid-19 zu verhindern, ist sicherlich zu begrüßen. Das bestehende Regelwerk ist allerdings eine zweifelhafte Mischung aus plausiblen und eindeutigen Richtlinien, aus Richtlinien, die missverständlich sind, weil sie einen breiten Interpretationsspielraum zulassen, und aus Richtlinien, die in letzter Konsequenz die Verbreitung wichtiger Erkenntnisse sogar behindern.

Eine kritische Öffentlichkeit lebt davon, dass mit guten Argumenten auch Dinge infrage gestellt werden dürfen, die die zuständigen Regierungsbehörden gerade als offizielle Wahrheit ausgeben – was sich ja, wie man in der Pandemie erlebt, schnell ändern kann. Für seriöse Journalisten und Experten vergrößert das YouTube-Regelwerk die Unsicherheit, mit neuen Informationen ins Visier von Leuten zu geraten, die mit Meldungen bei der Plattform einen breiten Diskurs verhindern wollen.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 21. Januar 2022 auf welt.de

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