Warum ich keine Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit will

Veröffentlicht von Jörg Friedrich am 24. Juli 2017

Erika Nardini ist Geschäftsführerin einer Sport- und Lifestyle-Webseite. In einem Interview (hier das englische Original) hat sie jetzt verraten, was sie von neuen Mitarbeitern in ihrem Unternehmen erwartet: Bewerbern schickt sie z.B. abends um 21 Uhr oder sonntags morgens um 11 eine Mail – und dann stoppt sie die Zeit, die vergeht, bis die Leute reagieren. Wer in unter drei Stunden antwortet, hat die Chance, bei ihr angestellt zu werden.

Vor allem dumm

Man kann das verwerflich finden, man kann eine Sklavenhalter-Mentalität darin enttdecken. Das ist auch alles richtig. Vor allem ist die Einstellung von Erika Nardini aber eines: dumm.

Für mich ist das ein Anlass, mal grundsätzlich etwas zu den Erwartungen zu sagen, die ich an Mitarbeiter normalerweise habe. Und warum.

Ich habe nicht die Erwartung, dass Mitarbeiter mehr als acht Stunden täglich und mehr als 5 Tage in der Woche fürs Unternehmen da sind. Nicht etwa, weil ich so menschenfreundlich bin – das vielleicht auch, aber es ist nicht entscheidend. Vor allem, weil kein Mensch mehr als acht Stunden täglich effektiv und konzentriert arbeiten kann. Das kann in Ausnahmefällen mal klappen, aber nur, wenn die Menschen insgesamt so erholt sind, dass sie genug Reserven haben, um im absoluten Ausnahmefall mal eine „Sonderschicht“ einzulegen.

Softwareentwicklung brauch Qualität

Bei uns arbeiten Softwareentwickler, die höchste Qualität liefern müssen. Unsere Kunden lassen uns Software programmieren, weil sie diese für ihre Geschäftsprozesse dringend brauchen. Dass diese Software funktioniert, ist für unsere Auftraggeber wichtig. Diese Systeme kann ich nicht von chronisch überarbeiteten und übermüdeten Programmierern erstellen lassen, die sich nur mit Kaffee und Cola oder Energy-Drinks wachhalten.

Wir schulden unseren Kunden, dass ausgeschlafene und zufriedene Softwarearchitekten, Programmierer und Tester für sie arbeiten. Diese Leute kommen morgens munter zur Arbeit, arbeiten acht Stunden konzentriert und machen dann Feierabend. Und am Wochenende erholen sie sich.

Und wir brauchen kreative Mitarbeitet, die auch mal an was anderes denken als ans Codieren. Was das ist und wieviel Zeit sie dazu brauchen, geht mich nichts an. Vielleicht trainieren sie für den Ironman und sitzen am Sonntag sechs Stunden auf dem Fahrrad, vielleicht haben sie einen alten Traktor, den sie hegen und pflegen und mit dem sie am Samstag an Treckerrennen teilnehmen. Vielleicht spielen sie mit ihren Kindern oder bauen ein Gartenhaus.

Gut fürs Unternehmen und die Kunden

Das alles ist am Ende gut für das Unternehmen, in dem sie arbeiten, denn sie bringen Ideen und Kreativität aus der Freizeit mit ins Büro. Ich hoffe nicht, dass meine Mitarbeiter abends und an Wochenenden ununterbrochen aufs Smartphone starren und darauf warten, dass ich ihnen eine Mail schreibe.

Das heißt nicht, dass ich niemals nach Feierabend eine Mail an einen Mitarbeiter schreibe. Und es kommt auch vor, dass ich hoffe, dass er sie in den nächsten Stunden liest. Wenn nicht, hab ich Pech gehabt. Wenn das Wohl des ganzen Unternehmens davon abhängen würde, dass die Mitarbeiter jederzeit erreichbar sind, hätte ich schon viel früher was Entscheidendes falsch gemacht.

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