Die FAZ veröffentlichte in ihrer Samstagsausgabe einen Text von David Gelernter mit dem Titel Unser neues Bauhaus. Gelernter, der in der Zeitung als einer der entscheidenden WWW-Pioniere vorgestellt wird, verspricht nicht weniger als ein „Plädoyer für eine Software-Kritik“ – ähnlich der etablierten Kunst-, Architektur- und Literaturkritik.

Gelernters Ansatz ist interessant: Er meint, für Software, die im Leben wenigstens der Menschen in den westlichen Zivilisationen eine ebenso große Rolle spielt wie die verschiedenen Erzeugnisse des Bauwesens, ist eine kritische Architektur- und Designdebatte ebenso notwendig wie die, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Bauhaus angestoßen wurde. Eine Besinnung auf die Grundwahrheiten der Informationsstrukturen sei notwendig, ihre Basiselemente müssen identifiziert und Konsequenzen für die Gestaltung der Software daraus abgeleitet werden.

Gelernter macht zwei „orthogonalen Grundelemente der Cyberwelt“ aus: die räumliche Struktur und die zeitliche, wobei die zeitliche Sicht wie in alten Vor-Software-Zeiten auf eine Raum-Struktur abgebildet werden muss. Räumliche Strukturen sind, so Gelernter, an der Erfahrungswelt des Schreibtisches, des Schaufensters oder des Bücherschranks orientiert, während zeitliche Strukturen „wie Partituren, Skripte, Drehbücher oder Tagebücher“ arbeiten. So weit so gut.

Leider löst Gelernter im Folgenden sein Versprechen einer Software-Design-Kritik nicht ansatzweise ein. Statt dessen führt er eine Reihe kleiner Detail-Wünsche auf, von denen er meint, dass Software dann gut strukturiert sei, wenn sie diese Wünsche erfüllt. Bei den meisten dieser Wünsche sagt sich der Leser: „Gut, so wird es sicher bald sein, aber was hat das mit Software-Kritik zu tun?“

Kritik muss sicherlich ein ganzes Stück grundsätzlicher sein, als Gelernter hier Glauben macht. Sie muss beim Verhältnis von Architektur und Design anfangen und muss zunächst mal die Frage beantworten, was diese Begriffe für Software eigentlich wirklich bedeuten. Alles, was die einschlägige Literatur dazu bisher zu bieten hat, ist nebulös und sicher keine Basis für eine Kritik die den Anspruch hätte, das Bauhaus in der Softwareindustrie zu sein.

Sodann ist die Frage nach der Funktionalität zu bestimmen: Wie wirken Design und Funktion zusammen? Spannend ist sicherlich, die Kontinuität zwischen der Bücherregal- und Schreibtisch-Organisation und der Bildschirmorganisation unter den Bedingungen von Cloud Computing und SaaS wirklich zu Ende zu denken.

Am Ende fragt Gelernter rhetorisch: „Was täte wohl ein neues Bauhaus? Es machte sich daran, zunächst einmal einen ordentlichen MP3-Player zu entwerfen.“ – Sicher nicht. Vielleicht würde es aber die Frage aufwerfen: was „ordentlich“ in der Software-Welt ist.

Bauhaus-Architektur für Software?

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